Anna


Anna
I
Ạnna
 
[aus hebräisch ḥannạ̈ »Gnade«],
 
 1) im A. T. (Vulgata) Namensform für Hanna, die Mutter Samuels.
 
 2) im Neuen Testament die Prophetin Hanna.
 
 3) nach der legendenhaften Erzählung des apokryphen Jakobusevangeliums die Mutter Marias und Gemahlin des Joachim. - Heilige (Tag: 26. 7., zusammen mit Joachim); Patronin der Mütter, Berg- und Kaufleute. - In der Kunst wird sie oft mit Jesus und Maria gemeinsam dargestellt (Anna selbdritt). - Das »Annahaupt« (früher in Mainz, seit 1500 in Düren) gilt als berühmteste Reliquie.
 
 
A. Dörfler-Dierken: Verehrung der hl. A. in Spät-MA. u. früher Neuzeit (1992).
 
II
Ạnna,
 
Herrscherinnen:
 
 Böhmen und Ungarn:  
 1) Ạnna, Königin, * 23. 7. 1503, ✝ 27. 1. 1547; Tochter Wladislaws II. von Böhmen und Ungarn, heiratete 1521 (den späteren Römischen König) Ferdinand (I.) von Habsburg, der nach dem Tod ihres Bruders, Ludwigs II., infolge eines 1515 geschlossenen Heirats- und Erbvertrages 1526 zum ungarischen König gewählt wurde. Sie wurde so zur Mitbegründerin der habsburgischen Donaumonarchie.
 
 Byzanz:  
 2) Ạnna Komnene, Geschichtsschreiberin, Tochter des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos, * 1./2. 12. 1083, ✝ nach 1148 (um 1153/54?); Ȋ mit dem Geschichtsschreiber Nikephoros Bryennios, den sie vergeblich auf den Thron zu bringen suchte; widmete sich nach dessen Tod (1136/37) der Abfassung ihres Werks »Alexias« (15 Bände, von Schiller 1790 übersetzt), in dem sie ihren Vater verherrlicht. Es behandelt die Zeit von 1069 bis 1118 und gilt als wertvolle Geschichtsquelle.
 
 England:  
 3) Ạnna Boleyn ['bʊlɪn], Königin, zweite Frau Heinrichs VIII. von England, * 1507 (?), ✝ (enthauptet) London 19. 5. 1536; war seit 1522 am englischen Hof und wurde die Geliebte Heinrichs VIII., der sie Anfang 1533 heimlich heiratete; im Mai ließ er seine erste Ehe für nichtig erklären. Statt des erhofften Sohnes gebar Anna am 7. 9. 1533 (die spätere Königin) Elisabeth. Der König verstieß Anna wegen angeblichen Ehebruchs, ließ sie zum Tod verurteilen und hinrichten. - Porträts von H. Holbein der Jüngere; Dramen von H. Rehberg (»Heinrich und Anna«, 1942) und Maxwell Anderson (»Anne of the thousand days«, 1949); Oper von G. Donizetti (»Anna Bolena«, 1830).
 
 
 
H. W. Chapman: Anne B. (London 1974);
 Vercors: A. Boleyn. 40 entscheidende Monate in Englands Gesch. (a. d. Frz., 1986).
 
 4) Ạnna von Cleve, Ạnna von Kleve, Königin, vierte Frau Heinrichs VIII. von England, * 22. 9. 1515, ✝ Chelsea (heute zu London) 28. 7. 1557, Tochter des Herzogs Johann von Kleve. Die Ehe wurde auf Betreiben des königlichen Ratgebers T. Cromwell geschlossen, der Heinrich auf diese Weise mit den Gegnern Karls V. im Deutschen Reich (Schmalkaldischer Bund) verbinden wollte. Der König, der Anna vor ihrer Ankunft in England nur durch das idealisierende Bildnis von H. Holbein dem Jüngeren (1539, heute im Louvre, Paris) kannte, ließ sich aus Abneigung bereits nach einem halben Jahr im Juli 1540 wieder scheiden. Anna blieb danach in England (Aufenthalt in Richmond beziehungsweise Bletchingley).
 
 5) Ạnna Hyde [haɪd], Herzogin von York, * 12. 3. 1637, ✝ 31. 3. 1671, Tochter des Ministers Edward Hyde, Earl of Clarendon, als Frau des späteren Königs Jakob II. Mutter der englischen Königinnen Maria II. und Anna.
 
 6) Ạnna, Königin (1702-14) von England, Schottland (seit 1707 von Großbritannien) und Irland, * London 6. 2. 1665, ✝ Kensington (heute zu London) 1. 8. 1714, zweite Tochter des Stuartkönigs Jakob II. und von 5), Ȋ mit Prinz Georg von Dänemark (* 1653, ✝ 1708). Nach dem Sturz ihres Vaters (1688) hielt sie zu ihrem Schwager Wilhelm III., dem sie 1702 auf den Thron folgte. Den Oberbefehl im Spanischen Erbfolgekrieg übertrug sie John Churchill, Herzog von Marlborough. Von katholikenfeindlicher und streng hochkirchlicher Gesinnung, neigte sie zu den Tories, musste aber für die Kriegführung ein Whigkabinett hinnehmen; erst 1710 brachte die Kriegsmüdigkeit des Volkes die Tories an die Regierung, die 1713 den Frieden von Utrecht schlossen. Anna war das letzte protestantische Mitglied des Hauses Stuart. Unter ihr wurden 1707 England und Schottland zu Großbritannien vereint.
 
 
 
G. M. Trevelyan: England under Queen Anne, 3 Bde. (London 21934);
 
The letters and diplomatic instructions of Queen Anne, hg. v. B. C. Brown (London 1935);
 R. Walcott: English politics in the early eighteenth century (Oxford 1956);
 E. Gregg: Queen Anne (London 1980).
 
 Frankreich:  
 7) Ạnna von Beaujeu [bo'ʒø], * 1461, ✝ Chantelle (Département Allier) 14. 11. 1522; Tochter König Ludwigs XI. von Frankreich, Ȋ seit 1474 mit Peter von Beaujeu, dem späteren Herzog von Bourbon (✝ 1503). 1483-91 führte sie die Regentschaft für ihren unmündigen Bruder Karl VIII. und behauptete sich gegen die Aufstände des Adels (v. a. der großen Lehnsherren, 1485-88) mit großer Energie und staatsmännischem Geschick. Die auf ihre Bemühungen hin geschlossene Ehe Karls mit Anna von Bretagne (1491) bereitete die Vereinigung des letzten unabhängigen Herzogtums mit der französischen Krone vor.
 
 
Y. Labande-Mailfert: Charles VIII et son milieu (Paris 1975).
 
 8) Ạnna von Bretagne [brə'taɲ], Königin, * Nantes 25. 1. 1477, ✝ Blois 9. 1. 1514; Erbtochter des letzten Herzogs der Bretagne, Franz' II., und der Marguerite de Foix (✝ 1487); seit 1488 Herzogin. Obwohl ihre Ratgeber für sie 1490 einen Ehevertrag mit dem deutschen König Maximilian abschlossen, wurde sie - v. a. auf Betreiben der Regentin Anna von Beaujeu - zur Ehe mit Karl VIII. von Frankreich gezwungen; nach dessen Tod (April 1498) heiratete sie seinen Nachfolger Ludwig XII. (Januar 1499). Diese Heirat führte die Vereinigung der Bretagne mit Frankreich herbei, da Annas Tochter Claudia (✝ 1524) aus dieser Ehe als Frau Franz' I. Königin von Frankreich wurde. Anna war am Hof Mittelpunkt literarischer und künstlerischer Bestrebungen.
 
 
G. G. Toudouze: Anne, duchesse de Bretagne, reine de France (Paris 1959);
 M. A. Butler: Twice Queen of France: Anne of Brittany (New York 1967).
 
 9) Ạnna von Kiew, genannt Anne de Russie [an də rʏ'si], Königin, * um 1030, ✝ 1075/89; Tochter des Kiewer Großfürsten Jaroslaw des Weisen, versippt mit dem byzantinischen Kaiser Romanos II., der von Philipp II. von Makedonien abzustammen behauptete; deshalb gab Anna ihrem ältesten Sohn aus der 1051 (?) geschlossenen Ehe mit König Heinrich I. von Frankreich den Namen Philipp (der spätere Philipp I.).
 
 10) Ạnna von Österreich, französisch Anne d'Autriche [an do'triʃ], Königin und Regentin, * Valladolid 22. 9. 1601, ✝ Paris 20. 1. 1666; Tochter Philipps III. von Spanien und der Margarete von Österreich (* 1584, ✝ 1611), seit 1615 Ȋ mit Ludwig XIII. von Frankreich; Parteigängerin Spaniens und Gegnerin Richelieus. Nach dem Tod Ludwigs XIII. führte sie 1643-51 die Regentschaft für ihren Sohn, den minderjährigen Ludwig XIV. Tatsächlich leitete die Regierung der Kardinal Mazarin, mit dem Anna persönlich eng verbunden war und der auch während der Fronde ihr Vertrauen behielt. Selbst ohne staatsmännische Begabung, behielt sie ihren Einfluss bis zu Mazarins Tod (1661).
 
 
V. L. Tapié: La France de Louis XIII et de Richelieu (Paris 1967);
 C. Dulong: Anne d'Autriche, mère de Louis XIV (ebd. 1980).
 
 Polen:  
 11) Ạnna, Königin, * 18. 10. 1523, ✝ 9. 9. 1596; Tochter Sigismunds I., wurde 1575 zur Herrscherin ausgerufen und am 1. 5. 1576 mit Stephan IV. Báthory, der 1575 zum polnischen König gewählt worden war, verheiratet und gekrönt. Neben ihm konnte sie die ihr rechtlich zustehende Rolle einer mitregierenden Königin nicht wahrnehmen.
 
 Rußland:  
 12) Ạnna Iwạnowna, Kaiserin (1730-40), * Moskau 7. 2. 1693, ✝ Sankt Petersburg 28. 10. 1740; Tochter Iwans V., des Halbbruders Peters des Großen, heiratete 1710 den Herzog Friedrich Wilhelm von Kurland (✝ 1711); wurde 1730 vom Hochadel unter Verzicht auf die absolute Herrschergewalt zur Kaiserin erhoben, stellte jedoch sofort nach ihrem Regierungsantritt die Autokratie wieder her. Die eigentliche Macht übten ihr Günstling J. von Biron und weitere Deutsche (H. J. Ostermann und B. C. Münnich) aus, was ihrer Regierungszeit die Bezeichnung »Deutschen-Herrschaft« einbrachte. Unter Anna schloss Russland 1734 den Handelsvertrag mit Großbritannien und führte 1735-39 einen Krieg gegen die Türken (endgültiger Gewinn von Asow).
 
 13) Ạnna Leopoldọwna, eigentlich Elisabeth Katharina Christine, Regentin, * Rostock 18. 12. 1718, ✝ Cholmogory (bei Archangelsk) 18. 3. 1746; Tochter des Herzogs Karl Leopold von Mecklenburg-Schwerin und der Katharina Iwanowna, einer Schwester von Kaiserin Anna Iwanowna; von dieser 1739 mit Prinz Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel verheiratet. Als Mutter des 1740 als Nachfolger von Anna Iwanowna zum Kaiser ausgerufenen Iwan VI. führte sie ab November 1740 die Regentschaft, wurde aber im Dezember 1741 gestürzt und von der neuen Kaiserin Elisabeth nach Cholmogory verbannt.
 
 Sachsen-Weimar-Eisenach:  
 14) Ạnna Amalia, Herzogin, * Wolfenbüttel 24. 10. 1739, ✝ Weimar 10. 4. 1807; Tochter des Herzogs Karl von Braunschweig-Wolfenbüttel und einer Schwester Friedrichs des Grossen von Preußen, Ȋ seit 1756 mit Herzog Ernst August II. Konstantin von Sachsen-Weimar-Eisenach. Nach dessen Tod führte sie 1758-75 die Regentschaft für ihren Sohn Karl August. Durch ihre Landesverwaltung, die Berufung Wielands zum Prinzenerzieher (1772), die Förderung Goethes sowie ihre eigenen künstlerischen und musikalischen Neigungen bahnte sie den Aufstieg Weimars zum Mittelpunkt des deutschen Geisteslebens an.
 
 
W. Bode: A., Herzogin von Weimar, 3 Bde. (1908-09);
 H. Tümmler: Carl August von Weimar, Goethes Freund (1978).
 

Universal-Lexikon. 2012.